Nördlich von Sidon, am Tor nach Westbeirut, entwickelte sich ein anderer großer Kampf um Khalde, eine wichtige Straßenkreuzung in der Nähe des Internationalen Flughafens. Tagelang hielt der palästinensische Widerstand die israelische Armee dort auf. Wie Arafat mir später erzählte, besuchte er mit Abu Jihad und Abu Walid, dem politischen und dem militärischen Kommandeur der Fatahgruppen, die Front dort täglich, denn ihnen war klar, wie entscheidend wichtig dieser Kampf war. Hundertsechzig palästinensische Kämpfer kamen dort ums Leben, doch die gewonnene Zeit versetzte Westbeirut in die Lage, sich auf den Abwehrkampf vorzubereiten, den es dann mehr als siebzig Tage lang durchhielt. "Als der Krieg anfing, war nicht eine einzige Mine gelegt, wir waren vollkommen unvorbereitet", sagte mir Arafat.

Der Widerstand in Khalde war so stark, daß er die israelische Armee zwang, einen anderen Weg zu suchen, um nach Westbeirut durchzukommen. Die Truppen, die das machten, kamen nicht aus dem Süden, sondern von Osten, wo sie angeblich von den Syrern verteidigtes Gebiet durchquerten. Diese Truppen eroberten Baabda östlich von Beirut und schlossen dann an die Falangistentruppen an, die Ostbeirut und den Norden kontrollierten, womit sie ein Kriegsziel, eine Woche später als geplant, erreichten.

Jetzt war Beirut eingekreist und die lange Belagerung begann. Die israelische Armee und die Staatsführung hatten ein so langwieriges Unternehmen weder geplant noch vorausgesehen; es änderte die Natur dieses Krieges von Grund auf und machte Yassir Arafat zum Nationalhelden.

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"So aßen sie und tranken, während die Juden Europas abgeschlachtet wurden!"

Das ging mir durch den Kopf, als ich am 15. Juni mit Sartawi in einem teuren chinesischen Restaurant nicht weit vom Eiffelturm saß. Ich dachte an die Ruinen von Tyrus, die ich vor einigen Tagen gesehen hatte, an die Leichen am Straßenrand. Täglich zeigte das französische Fernsehen schreckliche Bilder aus dem zerbombten Westbeirut: zerstörte Häuser, verstümmelte Kinder, weinende Frauen, überfüllte Krankenhäuser ohne medizinische Mittel. Und wir saßen hier inmitten gutbürgerlicher Franzosen, die sorgfältig den richtigen Wein zu ihrem Essen wählten.

Ein paar Stunden zuvor, als ich in Issams Büro saß, war ein Anruf von Abu Faisal gekommen, der ein paar Jahre lang Sartawis Assistent gewesen war. Seine Mitteilung war kurz: "Ich verabschiede mich an die Front. Wenn mir etwas passiert, bitte, kümmern Sie sich um meine Eltern." Abu Faisal mit seinem Riesenschnurrbart, seinem kleinen, rundlichen Körper, seinem Humor - man konnte sich ihn nur schwer in den Straßen Beiruts gegen unsere Panzer kämpfend vorstellen.

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