Der Vierte Weltkrieg

Nahe bei Tel-Aviv liegt der Vorort Bnei-Brak ("Söhne des Blitzes"). Die Einwohner sind ultra-orthodoxe Juden, mit Schläfenlocken und schwarzen Kaftans. Im Golfkrieg geschah dort ein Wunder: Ringsherum fielen Scud-Raketen und richteten Unheil an. Bnei-Brak aber blieb unversehrt. Es war ganz klar: Der Gott Jehova hatte es persönlich unter seinen Schutz genommen. Bnei-Brak ist nur ein Beispiel. Dieser Krieg nimmt sich in Israel wie ein Wunder Gottes aus. War er es wirklich?

*

Für Israelis war es ein seltsamer Krieg.

Der junge Staat hat schon einige Kriege mitgemacht und miterlebt. Er hat sich daran gewöhnt, daß ein permanenter Kriegszustand besteht. Auch gesetzlich existiert seit 1948 ein andauernder "Notzustand". Etwa alle zehn Jahre bricht ein großer Krieg aus: 1948 der Unabhängigkeitskrieg, I9j6der Sinaikrieg, 1967 der Sechs-Tage-Krieg, 1973 der Jom-KippurKrieg, 1982 der Libanon-Krieg, schließlich 1991 der Golfkrieg, und ein paar "kleinere" Kriege in den Zwischenzeiten.

Für Israel ist der Kriegszustand also "normal", die Idee des Friedens dagegen "unnormal", ungewöhnlich. Kein Israeli hat jemals einen Tag Frieden in seinem Lande erlebt. Spricht man in Israel über Frieden, dann hört das sich an wie ein ScienceFiction, so, als ob man über einen anderen Planeten redete, über eine schöne, aber unvorstellbare Welt. Angst vor dem Krieg hat man nicht, denn man weiß ja genau, was man dann zu tun hat. Der Frieden hingegen ist ein unbekanntes Territorium und macht daher Angst. Darin liegt vielleicht das größte Problem jeder Friedensbewegung in Israel begründet.

Alle Kriege seit 1949 haben sich weit entfernt von Israels Städten abgespielt. Kein Israeli hat jemals das erlebt, was Rus¬

7