zusammen, tranken Tee und redeten. Ich habe viel darüber geschrieben und geredet, ich kann jetzt die ganze Geschichte nicht noch einmal wiederholen. Jedenfalls wollte ich damals die wirkliche Welt sehen, und so kam ich in den Kibbuz. Und was sah ich dort? Obwohl die Leute dort sonnengebräunt waren von der Arbeit in den Feldern, saßen auch sie zusammen, tranken Tee und sprachen über die gleichen Dinge, über die Symbolik der Welt: die Erde ist so und so, der Flimmel so, der Baum symbolisiert die Auferstehung, die Wurzeln sind ein Bild für die Ursprünge. Es ist unmöglich, dem zu entkommen.

Im Laufe der Jahre entfernte sich Jerusalem also von mir, nicht ich mich von Jerusalem. Und dennoch: Obwohl ich ein Kind war, blieb Jerusalem wie eine Lebensgefährtin für mich, gegen die ich mich auflehnte, die ich verließ, die mich aber trotzdem weiterhin beschäftigte. Die Stadt war ein Rätsel für mich. Sie war wie ein Kaleidoskop. Alle drei Straßen weiter begann etwas anderes.

Ich wuchs in Kerem Avraham auf, in der Nähe zweier britischer Armeestützpunkte. Anderthalb Kilometer weiter war das arabische Dorf Mivta, wo wir in ruhigen Zeiten hingingen. Wir kauften dort Pita, setzten uns irgendwo nieder und aßen Oliven mit Zatar. Nicht weit von uns war Mea Shearim. Wir konnten nicht dorthin gehen, ohne einen Buchladen zu betreten und zu diskutieren. Mein Vater wurde dann regelrecht zu einem Haredim. Links neben uns wohnte irgendein Zahnarzt, der behauptete, Stalin persönlich zu kennen. Also erzählte er uns Geschichten über Stalin.

Jerusalem war ein Kaleidoskop - auch physisch -, ein Kaleidoskop aus lauter verschiedenen Wohnvierteln, fast ohne Zentrum. Aber auch geistig und kulturell war die Stadt ein Kaleidoskop. Nicht jeder liebte dort jeden. Jerusalem war keine idyllische Stadt. Wir verstanden jedoch, daß es für niemanden einen Sinn hatte, die Herrschaft über die Stadt zu

87