Und warum haben die Briten den politischsten gewählt?

Vielleicht weil sie mit einem politischen und nicht nur mit einem religiösen Führer verhandeln wollten. Haj Amin war übrigens zunächst lediglich der Mufti Jerusalems. Nur durch seine Persönlichkeit wurde er dann zum Mufti ganz Palästinas, zum Großmufti.

Worin konkret bestand das Amt des Muftis zur damaligen Zeit, beziehungsweise was ist ein Mufti genau, im Vergleich beispielsweise mit dem Christentum oder dem Judentum?

Das läßt sich schlecht vergleichen, aber man kann sagen, der Mufti urteilt in bestimmten Situationen über Recht und Unrecht.

Er interpretiert also die religiösen Gesetze. Ähnelt er somit einem Rabbi im Judentum?

In etwa. Aber im Islam trifft der Gläubige letztlich selbst die Entscheidung, nicht der Mufti.

Er erläßt aber die religiösen Regeln?

Wenn Sie damit die allgemeine Ebene ansprechen, ja. Wenn Sie die persönliche Ebene meinen, dann kann der einzelne entscheiden. Man kann mehrere Muftis befragen, aber letztlich muß der Gläubige selbst zwischen Recht und Unrecht entscheiden. Dazu muß man ergänzen, daß es in einer Gemeinde normalerweise nur einen Mufti gibt. Es gibt einen Mufti hier in Jerusalem, einen in Ramallah und einen weiteren in Haifa. Der Gläubige kann in Zweifelsfällen den Mufti in Jerusalem befragen und den in Ramallah oder Haifa. Aber am Ende muß man sich selbst zwischen Gut und Böse entscheiden.

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