der Dreyfus-Prozess, den er als Pariser Korrespondent der Wiener Zeitung Neue Freie Presse 1894 miterlebte. Die Affäre um den jüdischen Artilleriehauptmann, der fälschlich der Spionage für Deutschland beschuldigt und zu lebenslanger Verbannung verurteilt wurde, führte zu heftigen Ausschreitungen. Menschenmassen zogen über die Boulevards und schrien "Tod den Juden". Herzl war entsetzt. Wenn so etwas in Paris, der Hauptstadt der Menschen- und Bürgerrechte, passieren konnte, wohin ging dann Europa?

Seitdem bestimmte der Antisemitismus Herzls ganzes Geistesleben. Er war der Ausgangspunkt seiner Ideen, der Mittelpunkt seiner Vorahnungen. Er beschäftigte ihn pausenlos. Seine gesamte politische Vision entwarf er als Antwort darauf. Dieser Antisemitismus stellte etwas Neues dar, er war ein typisches Zeichen der Zeit. Judenhass hatte es im christlichen Europa zwar seit eh und je gegeben - im Gegensatz zum islamischen Raum mit Verfolgungen, Vertreibungen, Massenmorden, Pogromen; dahinter steckten religiöser Fanatismus, Fremdenhass und Aberglaube. Aber der neue Antisemitismus war etwas anderes; nicht durch Zufall entstand er gerade in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Überall, vom Atlantik bis zum Kaukasus, regte sich damals der Nationalismus. Kleine Völker, die jahrhundertelang friedfertig unter fremden Monarchen gelebt hatten, besannen sich plötzlich auf ihre eigene Kultur, auf ihre (wirkliche oder erfundene) glorreiche Vergangenheit. Tschechen, Slowenen, Letten, Ukrainer, Serben, Polen und andere Völkerschaften verlangten nationale Anerkennung, nationale Autonomie, nationale Selbständigkeit.

Auch in Deutschland entfaltete sich der Nationalismus in mächtiger Form. Bismarcks neu geeintes Reich war nicht nur eine wirtschaftliche und militärische Großmacht, sondern auch ein Tummelplatz nationalistischer Ideen. Gleichzeitig befand sich Frankreich in einem nationalen Taumel, wie die Dreyfus-Affäre bewies. Und in der in allen Fugen bebenden österreichischen Monarchie, Heimat vieler Völker, schuf sich die deutsche Minderheit einen rabiaten Nationalismus, zu dem zuerst auch Herzl

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