Auch möchte ich auf Avnerys tiefgründiges, trotz aller gravierenden politischen Differenzen liebevoll gehaltenes biografischpsychologisches Porträt Moshe Dayans verweisen, ein Beispiel einer an Aufklärung interessierten politischen Psychologie. Avnerys bemerkenswerte Fähigkeit, sich in Dayans innere Konflikte einzufühlen, diese als pointierte Charakterstrukturen zu verstehen, die zugleich einige typische israelische Charakterzüge repräsentieren, mit denen jeder im Land aufgewachsene Israeli sich auseinander setzen müsse, zeichnet Avnery auch als einen politischen Psychologen aus. Dayans Lebensweg spiegele in verdichteter Weise die massiven Konflikte und inneren Widersprüche Israels wider und verweise hierdurch zugleich auf Möglichkeiten einer friedlicheren Zukunft, für die es sich zu entscheiden gelte. Abschließend betont Avnery, auf die ungewisse Zukunft Israels verweisend:

"Es kann geschehen, dass Israel 'dayanisiert' wird - es kann aber auch eine völlig andere Entwicklung nehmen. Es steht jetzt an einem Kreuzweg. Welchen Weg es einschlagen wird, hängt weitgehend davon ab, wie es seine inneren Konflikte löst." (Avnery 1969a, S. 153)

Avnery hat verschiedentlich die psychologische Vorbildfunktion seines ungebrochen optimistischen, innerlich stolzen Vaters für seine eigene Entwicklung als publizistischer und politischer Aktivist hervorgehoben. In einem Interview im Jahre 2000 fasste der damals 77-jährige seinen Respekt vor dem Lebenswerk seines Vaters mit den Worten zusammen:

"Je älter ich werde, umso mehr denke ich an meine Eltern. Was mussten sie auf sich nehmen! Von einem Klima in ein anderes, von einer Sprache in eine andere, von einer Kultur in eine andere, von einer Gesellschaftsschicht in eine andere, von einer Lebensform mit Tausenden von Einzelheiten in eine andere mit tausend anderen Einzelheiten, von einer Landschaft in eine andere, von einer Lebensart in eine andere. Je älter ich werde, um so mehr bewundere ich unsere Eltern, die das irgendwie überlebt

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