ehern, die ich später, wenn ich wieder an der Front bin, hervorholen kann.

Sie liegt neben mir, lächelt, ist sehr zärtlich. Sie streichelt meine Haare, als hätte ich ihr einen Gefallen getan. In mir steigt Übelkeit auf. Wie kann ich aufstehen, ohne sie zu beleidigen? Sie ist entspannt und müde. Und ich muss wieder an die Toten am Straßenrand denken.

"Komm, lass uns ins Café gehen", schlage ich vor und stehe auf.

"Warum?", fragt sie und hat offenbar keine Lust aufzustehen.

"Ich bin mit einigen von der Kompanie verabredet", lüge ich. Sie stöhnt, steht auf und zieht sich an, während ich noch einige Gläser Arrak trinke, um den schalen Geschmack in meinem Mund wegzuspülen.

Trotz der Verdunkelung tobt das Leben auf den Straßen. Die Cafés sind bis auf den letzten Platz voll. Leute strömen aus den Kinos. Auf der anderen Straßenseite versucht jemand, eine junge Frau zu küssen, die laut und satt lacht.

"Was für ein Leben heute!" Jubel liegt in der Luft und ich bin fröhlich.

"Wieso heute? So ist es hier jeden Abend."

Ich werde sauer. Jeden Abend? Auch vorgestern? Auch vorvorgestern? Wir wussten, dass es irgendwo ein paradiesisches Tel Aviv gibt, jubelnd, feiernd. Aber wir haben nicht realisiert, dass dort quicklebendige Menschen jubeln. Jung und gesund, während

wir gerade auf den Jeeps dem feindlichen Feuer entgegenrasen. Scheiße!

Im "Kassit"5 sitzt eine größere Gruppe Soldaten in hübschen Uniformen. Das sind die, die wir die "Romanohaus-Füchse" nennen. Dabei sind einige junge Schriftsteller und andere Intelligenzler. Ein weitläufiger Bekannter holt mich an den Tisch. Wahrscheinlich, um die anderen zu reizen. Er ist angetrunken. "Hier ist ein wirklicher Soldat!", stellt er mich vor. Ich setze mich dazu.

Die Anwesenden schauen mich etwas mürrisch an und disku-

deren weiter. Sie sprechen über die Darstellung von Kriegserlebnissen, über die Notwendigkeit einer Distanz zu den tatsächlichen Ereignissen, über aktuelle, über epische und romantische Literatur. Ich habe Mitleid mit ihnen. Wie naiv sie sind. Den ganzen Krieg über im Café oder im Büro zu sitzen und zu glauben, sie könnten

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