scheidende - ungeheuer viel ernster und bedeutsamer als etwa die Musik von Brahms, die mein Vater liebte.

Mein Vater war Bankier, und unsere Familie gehörte zur wohlhabenden Mittelschicht. Wie mein Großvater, so war auch mein Vater vom Geist einer deutsch-humanistischen Erziehung geprägt, in den klassischen Sprachen geschult und zutiefst in einem unprätentiösen Idealismus verwurzelt, an dem er bis an das Ende seines Lebens festhielt.

Mein Vater war außerdem Zionist. Als er 1913 meine Mutter heiratete, überreichten ihm einige Freunde eine Urkunde, auf der zu lesen stand, dass man in seinem Namen einen Baum in Palästina gepflanzt hatte. Doch im Deutschland vor Hitler bedeutete Zionismus nicht Auswanderung nach Palästina. Ich glaube auch nicht, dass mein Vater je daran gedacht hatte. Als Zionist war man vor allem Nonkonformist (und ich habe den starkenVerdacht, dass es meinem Vater Spaß machte, jene anderen um ihn herum zu ärgern, die für die Assimilation waren und den Zionismus hassten). Zionist sein, das bedeutete auch, dass einem die Leiden der Juden anderer Länder nicht gleichgültig waren und dass man mit Sympathie an dem Bemühen jener wenigen Pioniere Anteil nahm, die im Nahen Osten ein neues Land aufzubauen suchten, in einer Gegend, die allzu fern war, um ganz wirklich zu sein.

Doch der Zionismus rettete uns das Leben. Ich habe das nie vergessen, als ich später ein Postzionist, vielleicht sogar ein Nichtzionist wurde.

Am Tage der Machtübernahme Hitlers war ich neun Jahre alt. Der braune Terror brach aus, als ich auf die höhere Schule kam. Ich war dort der einzige jüdische Schüler. Fast an jedem oder jedem zweiten Tag wurde, wie ich mich noch erinnere, irgendein alter deutscher Waffensieg gefeiert. Alle Schüler wurden in der Aula versammelt und mussten die alten und neuen vaterländischen Lieder singen. Einmal, ich glaube, es war am Tage der Schlacht bei Belgrad, stand ich allein inmitten von tausend deutschen Jungen, die das Horst-Wessel-Lied, die blutrünstige Nazi-Hymne, sangen. Ich sang nicht mit und hob auch nicht die Hand zum Nazi-Gruß wie die anderen. Hinterher trat eine Gruppe meiner Klassenkameraden zu mir und sagte, wenn ich

13